LESERBRIEF I an unseren Literaturexperten Prof. Dr. Konrad von Hochstetten-Lastenow: Sehr geehrter Herr Professor, immer wieder hört man, daß Schriftsteller nicht vom Schreiben leben können. Da mein Sohn Ralf (12) jetzt Schriftsteller werden will, wollte ich Sie fragen, welche Möglichkeiten es gibt bzw. warum trotzdem so viele Schriftsteller werden wollen? Heike Keller aus D.
Meine liebe Frau Keller,
als ich mich darauf eingelassen habe, mein bescheidenes Wissen in diesem Medium (für das zu arbeiten ich mich schon jetzt schäme, weil es a priori unliterarisch ist) zur Verfügung zu stellen, habe ich auf Fragen gehofft, die weniger praktisch sind und mir die Möglichkeit eröffnen, in geistige Tiefen hinabzusteigen, die mich und den Fragenden am Ende in geistige Höhen führen würden.
Da Sie nun aber offensichtlich eine auf das Praktische ausgerichtete Frau sind, die ihren Sohn vor einem grauenvollen Schicksal bewahren will, will ich Ihnen auch praktisch und ohne Umschweife antworten: Sicher ist Ihnen Latrodectus mactans, auch die Schwarze Witwe genannt, ein Begriff? Es handelt sich, wie Sie wissen, um ein gefährliches kleines, am Boden lebendes Biest, das in Nord- und Südamerika verbreitet ist und zu jenen Spinnenarten gehört, deren Paarungsverhalten wie bei den Menschen darauf hinausläuft, daß das Weibchen das Männchen frisst. Bei den Menschen ist diese Sache natürlich in die Gesellschaftsform der Ehe hineinsublimiert. Aber hier wie dort kommt es auf die Schnelligkeit an, in der es ein Männchen schafft, nach der Paarung zu entfliehen. Ein Wespenspinnenmann hat zehn Sekunden für das Vergnügen und eine Sekunde für die Flucht zur Verfügung. Eher eine Art russisches Roulette spielt dagegen in Liebesdingen der Walzenspinnenmann: Trifft er nämlich auf ein unerfahrenes Mädchen, kann er sie ohne Probleme überraschend betäuben und sie seinem Tun wehrlos ausliefern. Trifft er aber auf eine bereits erfahrene Frau, die schon einmal betäubt und ausgeliefert war – dann wird er umgehend gefressen.
[...]
Wie den Spinnerich zu seiner gefräßigen Schwarzen Witwe zieht es den Dichter wider besseren Wissens zum weißen Blatt. Versuchen Sie aber trotzdem, Ralf etwas anderes aufzuzwingen. Zum Beispiel: Rechtsanwalt. Wir brauchen Schriftsteller mit Erfahrung in diesem Beruf. Germanisten gibt es zu viele. Ärzte haben wir ausreichend (die Kollegen Benn und Tellkamp beispielsweise). Und ignorieren Sie, wenn Ralf so klingt wie Franz Kafka 1913 in einem Brief: „Nur die Nächte mit Schreiben durchrasen, das will ich. Und daran zugrundegehn oder irrsinnig werden, das will ich auch, weil es die notwendige längst vorausgefühlte Folge dessen ist.“ Kafka war schon sechs Jahre bei seiner Versicherung, als er dies schrieb, und sollte es noch lange bleiben. Trösten Sie Ralf und sich damit. Und freuen Sie sich, daß er überhaupt etwas werden will.
Konrad von Hochstetten-Lastenow, vergisst dabei nur, das Kafka bis zu seinen Tode niemals gedachte , dass was er schrieb zu veröffendlichen, was gegen seinem Willen nach seinem Tod geschah. So weit ich mich Erinnere. Ganzen Artikel auf lit.colonie lesen
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